Redaktion: Herr Bremer, die BaFin warnt aktuell vor Angeboten auf der Website nordstate(.)org. Worum geht es in diesem Fall?
Thomas Bremer:
Nach den aktuellen Erkenntnissen der BaFin werden über die Plattform nordstate(.)org ohne die erforderliche Erlaubnis Finanz-, Wertpapier- und Kryptowerte-Dienstleistungen angeboten. Besonders auffällig ist dabei, dass der Betreiber lediglich unter der Bezeichnung „Nordstate“ auftritt – ohne konkrete Rechtsform oder klar identifizierbares Unternehmen. Gleichzeitig wird ein angeblicher Unternehmenssitz in London genannt und Verbrauchern unter anderem ein sogenanntes „Solar-Direktinvestment“ angeboten. Zusätzlich wird mit einer angeblichen Zusammenarbeit mit der Bundesnetzagentur geworben.
Redaktion: Warum ist dieser Fall aus Ihrer Sicht besonders problematisch?
Thomas Bremer:
Weil hier mehrere sehr wirkungsvolle Vertrauenselemente miteinander kombiniert werden:
- nachhaltige Investments,
- erneuerbare Energien,
- ein internationaler Unternehmenssitz,
- Kryptodienstleistungen,
- und der behauptete Bezug zur Bundesnetzagentur.
Das wirkt auf viele Menschen modern, nachhaltig und offiziell kontrolliert. Genau das macht solche Konstruktionen gefährlich.
Redaktion: Der Begriff „Solar-Direktinvestment“ klingt zunächst seriös und nachhaltig. Warum ist gerade das riskant?
Thomas Bremer:
Weil nachhaltige Geldanlagen derzeit ein enormes Vertrauen genießen. Begriffe wie:
- Solar,
- Energie,
- Nachhaltigkeit,
- oder Direktinvestment
lösen bei vielen Anlegern positive Assoziationen aus. Viele Menschen glauben, sie investieren damit gleichzeitig sinnvoll, nachhaltig und renditestark. Genau dieses Vertrauen kann missbraucht werden.
Ich sage es ganz klar:
Ein grünes oder nachhaltiges Schlagwort ersetzt keine regulatorische Erlaubnis.
Redaktion: Die Betreiber behaupten außerdem eine Zusammenarbeit mit der Bundesnetzagentur. Warum ist das besonders kritisch?
Thomas Bremer:
Weil dadurch der Eindruck staatlicher Nähe oder offizieller Kontrolle erzeugt wird. Die Bundesnetzagentur ist eine bekannte deutsche Behörde. Wenn eine Plattform behauptet, mit ihr zusammenzuarbeiten, vermittelt das automatisch Seriosität.
Das Problem ist:
Solche Aussagen können gezielt eingesetzt werden, um Anleger zu beruhigen und kritische Fragen zu verdrängen. Verbraucher sollten deshalb immer prüfen, ob solche Kooperationen tatsächlich nachvollziehbar sind.
Redaktion: Die Plattform bietet laut BaFin nicht nur Finanz- und Wertpapierdienstleistungen, sondern auch Kryptowerte-Dienstleistungen an. Warum ist diese Kombination besonders sensibel?
Thomas Bremer:
Weil dadurch sehr unterschiedliche Anlegergruppen angesprochen werden:
- sicherheitsorientierte Anleger über nachhaltige Investments,
- klassische Investoren über Finanz- und Wertpapierangebote,
- und spekulativ orientierte Nutzer über Kryptodienstleistungen.
Das erzeugt den Eindruck eines modernen, breit aufgestellten Finanzunternehmens. Tatsächlich weist die BaFin aber ausdrücklich darauf hin, dass die erforderliche Erlaubnis fehlt.
Redaktion: Auffällig ist auch, dass keine konkrete Rechtsform genannt wird. Warum ist das ein Warnsignal?
Thomas Bremer:
Weil Anleger dadurch kaum nachvollziehen können, mit wem sie überhaupt Geschäfte machen. Eine seriöse Finanzplattform sollte klar offenlegen:
- welche Gesellschaft dahintersteht,
- welche Rechtsform besteht,
- wo das Unternehmen registriert ist,
- und wer verantwortlich handelt.
Wenn stattdessen nur ein Markenname wie „Nordstate“ verwendet wird, ohne transparente Unternehmensstruktur, sollte man sehr vorsichtig sein.
Redaktion: Viele Verbraucher lassen sich von professionellen Websites und internationalen Standorten beeindrucken. Warum reicht das nicht aus?
Thomas Bremer:
Weil ein professioneller Internetauftritt heute relativ leicht erstellt werden kann. Londoner Adressen, moderne Designs und nachhaltige Investmentbegriffe wirken seriös – sagen aber zunächst nichts über die tatsächliche Regulierung oder Seriosität aus.
Gerade problematische Plattformen investieren oft viel Aufwand in:
- professionelles Marketing,
- nachhaltige Themen,
- und angebliche Behördennähe.
Das Ziel ist immer dasselbe:
Vertrauen schaffen, bevor Anleger kritisch prüfen.
Redaktion: Welche typischen Warnsignale sollten Verbraucher bei Plattformen wie nordstate(.)org besonders ernst nehmen?
Thomas Bremer:
Dieser Fall enthält gleich mehrere deutliche Alarmsignale:
1. Keine klare Rechtsform oder Unternehmensstruktur
Das erschwert die Nachvollziehbarkeit.
2. Angebliche Zusammenarbeit mit Behörden
Das sollte immer unabhängig geprüft werden.
3. Nachhaltige Investmentbegriffe wie „Solar-Direktinvestment“
Das kann gezielt Vertrauen erzeugen.
4. Kombination aus Finanz- und Kryptodienstleistungen
Das ist ein besonders sensibler Bereich.
5. Fehlende BaFin-Erlaubnis
Das ist der zentrale Punkt.
6. Internationale Adressen ohne klare Nachweise
Das wirkt professionell, muss aber überprüfbar sein.
Redaktion: Wie können Verbraucher prüfen, ob ein Anbieter tatsächlich reguliert ist?
Thomas Bremer:
Der wichtigste Schritt ist immer die unabhängige Prüfung:
- in der BaFin-Unternehmensdatenbank,
- über offizielle Register,
- und bei angeblichen Behördenkooperationen direkt bei den jeweiligen Stellen.
Mein klarer Rat lautet:
Nicht den Aussagen auf der Website vertrauen – sondern nur überprüfbaren Fakten.
Redaktion: Was sollten Verbraucher auf keinen Fall tun?
Thomas Bremer:
Ganz wichtig: Verbraucher sollten auf keinen Fall:
- Geld investieren,
- Kryptowerte transferieren,
- persönliche Daten unüberlegt weitergeben,
- Fernzugriffe auf Geräte erlauben,
- oder sich von nachhaltigen Schlagworten oder Behördennamen beruhigen lassen.
Besonders vorsichtig sollte man sein, wenn Druck aufgebaut oder schnelle Entscheidungen verlangt werden.
Redaktion: Was sollten Betroffene tun, wenn sie bereits investiert haben?
Thomas Bremer:
Dann gilt: sofort reagieren.
Ich empfehle:
- keine weiteren Zahlungen leisten,
- sämtliche Unterlagen sichern
(E-Mails, Verträge, Wallet-Adressen, Screenshots), - die eigene Bank oder Kryptobörse informieren,
- Passwörter ändern,
- Geräte absichern,
- Strafanzeige erstatten,
- und rechtlichen Rat einholen.
Wichtig ist:
Nicht weiter investieren in der Hoffnung auf spätere Auszahlungen oder Gewinne.
Redaktion: Welche Bedeutung hat die BaFin-Warnung in diesem Fall?
Thomas Bremer:
Die Warnung basiert auf:
- § 37 Absatz 4 Kreditwesengesetz (KWG)
- sowie § 10 Absatz 7 Kryptomärkteaufsichtsgesetz
Die BaFin macht damit deutlich, dass hier sowohl klassische Finanz- und Wertpapierdienstleistungen als auch Kryptodienstleistungen betroffen sind – und dass die erforderliche Erlaubnis fehlt. Das ist ein sehr klares öffentliches Warnsignal.
Redaktion: Gibt es einen einfachen Leitsatz für Verbraucher?
Thomas Bremer:
Ja – und der passt hier besonders gut:
Nachhaltige Begriffe und Behördennamen ersetzen keine echte Regulierung.
Oder noch deutlicher:
Ein „Solar-Investment“ wird nicht seriös, nur weil mit einer Behörde geworben wird.
Redaktion: Ihr abschließender Rat zum Fall nordstate(.)org?
Thomas Bremer:
Der Fall zeigt sehr deutlich, wie moderne Online-Finanzplattformen heute Vertrauen erzeugen: nachhaltige Themen, internationale Standorte, Kryptodienstleistungen und angebliche Behördenkooperationen.
Doch wenn die BaFin ausdrücklich warnt, dass:
- keine Erlaubnis vorliegt,
- keine klare Unternehmensstruktur erkennbar ist,
- und problematische Aussagen zur Bundesnetzagentur im Raum stehen,
dann ist die Lage eindeutig:
Finger weg von diesem Angebot.
Wer investieren möchte, sollte ausschließlich mit Anbietern arbeiten, die nachweislich reguliert, transparent und unabhängig überprüfbar sind.